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Mai 7, 2021

Du liest auf deinem Krankenschein den Code F43.0G und verstehst erst einmal Bahnhof. Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch! Dein Arzt hat eine Schublade für Deine Belastungsstörung gefunden.

Der Diagnoseschlüssel F43.0G ist Teil des ICD-10 Codes und bezeichnet eine akute Belastungsreaktion. 0G signalisiert: Der Arzt ist sicher, dass die Diagnose richtig ist.

Was bedeutet diese Diagnose für Dich?

Kannst Du mit diesen Informationen Ansprüche anmelden?

Hier findest Du Antworten auf diese Fragen.

Was ist der ICD-10 Code?

Viel wichtiger als der eigentliche Code: was hat die Belastungsreaktion ausgelöst und was kannst Du gegen die Stressbelastung unternehmen?

Die drei Buchstaben ICD stehen für International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems. Die World Health Organization (WHO) bestimmt diese international gültige Klassifizierung von Krankheiten.

Ein Ziel ist dabei, die medizinische Diagnose zu vereinfachen. Außerdem erleichtert es, Statistiken zu erstellen.

Für jede Krankheit gibt es in diesem System einen entsprechenden Code. Meist sind damit Leitlinien für die Behandlung verbunden. Wer die Kosten für allgemein akzeptierte Therapien übernimmt, bestimmt das nationale Gesundheitswesen.

Der ICD-Code für deine Erkrankung oder psychische Störung ist auf der Krankmeldung zu sehen. Aus Datenschutzgründen sieht Dein Arbeitgeber diese Diagnose für die Krankschreibung nicht.

F43.0 ist vor allem für die Krankenkasse interessant. Sie brauchen eine Schublade, in die sie die AU Begründung (Arbeitsunfähigkeitsbegründung) einordnen können. Dann steht der korrekten Abrechnung nichts mehr im Weg.

Der Zusatz .0G bedeutet, dass die Diagnose als gesichert gilt. Siehst Du nach F43 ein .0V, bedeutet das Verdachtsdiagnose – Dein Arzt ist sich also noch nicht so richtig sicher.

Änderungen am Diagnoseschlüssel: Von ICD-10 zu ICD-11

Zur Zeit gilt die ICD-10 (1). Doch die nächste Version der medizinischen Schubladen, ICD-11, wirft bereits ihre Schatten voraus (2). Diese Klassifikation wurde im Mai 2019 beschlossen und tritt am 1. Januar 2022 in Kraft.

Keine langfristige Störung

Bei der aktuellen Bedeutung von f43.0 steht die akute Belastungsreaktion im Vordergrund. Das bezeichnet vorübergehende Reaktionen oder Anpassungsstörungen auf extreme Belastungen.

Das bedeutet für Dich als Patienten: Der Arzt betrachtet dich nicht als einen Menschen mit einer langfristigen psychischen Störung. Stattdessen sieht er deine Beschwerden als eine vorübergehende Anpassungsstörung auf eine Situation im Leben oder ein Lebensereignis, das großen Stress verursacht.

Paradebeispiel Pandemie

Das kann eine Krankheit sein, die Angehörige oder Dich betrifft. Das können aber auch Reaktionen auf ein bestimmte Situationen und Faktoren sein, die sich außerhalb Deiner Kontrolle befinden. Die Pandemie ist ein Paradebeispiel. Sie kann eine akute Belastungsreaktion auslösen, die Dich vorübergehend arbeitsunfähig macht.

ICD-11: Akute Stressreaktion

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Juni 2018 die Aktualisierung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-11 vorgestellt.

Bei ICD-11 gibt es eine wichtige Veränderung bei der akuten Belastungsreaktion. Sie wird nicht mehr im Kapitel der psychischen Störungen aufgeführt. Stattdessen wird sie als akute Stressreaktion bezeichnet (3). Die dazugehörige Schublade trägt die Überschrift 'sonstige Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen'.

Weitere ICD Codes

Was bedeutet die Diagnose akute Belastungsstörung heute?

Die Symptomatik durch eine Akute Belastungsreaktion kann - wie für Stressbelastungen typisch - sehr vielfältig ausfallen. Wichtig meiner Meinung nach: die eigene Resilienz stärken, um bei der nächsten Situation weniger "anfällig" zu sein.

Neben dem eigentlichen Ereignis berücksichtigt der Arzt auch die individuelle Verwundbarkeit, Fachausdruck Vulnerabilität. Außerdem zählen die Strategien, mit denen Du Deine Reaktionen auf schwere Belastungen zu bewältigen versucht hast.

Emotionale Taubheit, Unruhe und Herzrasen

Typische Symptome einer Störung nach F43.0 sind Gefühle von emotionaler Taubheit. Auch sozialer Rückzug, Überaktivität und Unruhe sind typische Diagnosekriterien. Ähnliche Symptome wie bei Angst oder Panikattacken, beispielsweise Herzrasen oder Schweißausbrüche, gelten ebenfalls als typische Reaktion bei Störungen durch außergewöhnliche Belastung oder Anpassungsstörungen.

Symptome treten fast sofort auf

Bei einer akuten Belastungsreaktion beginnen die Probleme meist kurz nach der auslösenden Situation. In der Regel meldet sich die Psyche bereits innerhalb von Minuten oder Stunden mit einer ernsthaften Reaktion. Auch Kinder reagieren meist schnell auf einen Auslöser. In den meisten Fällen bilden sich die Symptome innerhalb weniger Tage zurück.

Zu den Diagnosekriterien für eine akute Belastungsreaktion gehört auch die Länge der Beschwerden. Um als Störung für Diagnosen zu gelten, muss die Symptomatik bei Betroffenen mindestens mehrere Stunden bis maximal drei Tage lang andauern.

Belastungsstörung und AU: Wie lange krank?

Als Arbeitnehmer kannst Du in einem Jahr bis zu sechs Wochen lang krank geschrieben werden, ohne dass dein Arbeitgeber über Deine Diagnose informiert werden muss. Doch das Leben verhält sich nicht immer nach starren Regeln. Der gesunde Menschenverstand sagt Dir, dass bestimmte Informationen vor allem in kleinen Firmen das Verhältnis zwischen den Menschen stärken.

Wenn du auf den plötzlichen Tod eines Elternteils mit Angst oder totalem Rückzug reagierst, werden das Deine Mitarbeiter und Dein Chef bestimmt verstehen. Ist die Störung wirklich akut, sollte die Krankheitsdauer mehrere Tage nicht überschreiten.

Falls sich die Genesung mehrere Wochen lang hinzieht, brauchst Du eventuell eine andere Diagnose. In diesem Fall solltest Du vielleicht auch darüber nachdenken, wie Du Deine lange Krankheit dem Arbeitgeber über begründest – obwohl du rechtlich nicht dazu verpflichtet bist.

F43.0 Therapie

Da die akute Belastungsstörung nach F43.0 als vorübergehende Reaktion gilt, stehen Medikamente wie Psychopharmaka bei der Therapie im Vordergrund. Eine Psychotherapie kann ein Arzt mit dieser Diagnose eher nicht verschreiben.

Allerdings raten Experten, zusätzlich zu einer psychologischen Betreuung in Form einer Krisenintervention. Das könnte verhindern, dass sich vorübergehende, akute Störungen durch ein Ereignis in langfristige Krankheiten verwandeln. Ein Aufenthalt in einer Klinik ist bei diesen Verhaltensstörungen in der Regel nicht angebracht.

Lesetipp: Resilienz stärken mit diesen Übungen

Burn-Out-Syndrom als akute Belastungsstörung?

In dem Buch Gute Arbeit 2017 beschäftigen sich die Autoren Lothar Schröder und Hans-Jürgen Urban mit dem steilen Anstieg von psychischen Störungen der deutschen Arbeitnehmer (4). Ein Problem ist dabei der weit verbreitete Burnout, den Betroffene als unzumutbare Belastung erleben.

Gleiches Syndrom, verschiedene Codes

Die Autoren weisen darauf hin, dass für dieses Syndrom die gesetzliche Definition fehlt (5). Häufig verwenden Ärzte deshalb den ICD-Schlüssel Z73, der sich auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung bezieht. Allerdings halten sie es auch für möglich, dass der Code F43.0 für akute Belastungsreaktion ebenso bei Burn out angewendet wird wie F48.0 für Ermüdungssyndrom oder R53 für Unwohlsein und Ermüdung.

Spitzenplatz bei Krankmeldung

Fest steht, dass psychische Störungen und psychische Erkrankungen aller Art mittlerweile einen Spitzenplatz bei den Ursachen für eine begründete AU (Arbeitsunfähigkeit) einnehmen. An der Spitze liegen Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems, gefolgt von Erkrankungen des Atmungssystems und psychischen Störungen.

F43 im Überblick

Viele ähnliche Codes für fast das gleiche. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten.

Die Kategorie F43 von ICD-10 bezieht sich auf Anpassungsstörungen und Reaktionen auf schwere Belastung (6). Nach Auskunft des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information braucht Dein Arzt für die Diagnose nicht nur Angaben über die Symptomatik, ihren Verlauf und Auswirkungen auf Deine Gesundheit. Wichtig für diesen Diagnoseschlüssel ist auch die Ursache.

Zu den akzeptierten Faktoren zählen Ereignisse oder eine besondere Veränderung im Leben, die Anpassungsstörungen, beispielsweise Angst, hervorrufen. Die Störungen der Gesundheit und des Sozialverhaltens sind direkte Reaktionen auf schwere Belastungen und traumatische Lebensereignisse.

Neben F43.0 gibt es noch folgende Kategorien.

F43.1: Posttraumatische Belastungsstörung

Dabei handelt es sich nicht um akute, sondern verzögerte Reaktionen auf ein belastendes Ereignis, das meist von längerer Dauer ist und als Katastrophe erlebt wird. Flashbacks, Albträume, ein anhaltendes Gefühl von Taubheit und emotionale Stumpfheit sind Folge dieser Reaktion auf schwere Belastung. Übermäßige Schreckhaftigkeit, verstärkte Vigilanz und Schlafstörungen treten häufig auf.

Die Behandlung ist schwierig. Psychotherapie ist dabei ebenso eine Hilfe wie Psychopharmaka. Oft vergehen Wochen oder Monate, bis sich die Folgen für die psychische Gesundheit bemerkbar machen und der Beginn der Krankheit diagnostiziert werden kann.

F43.2: Anpassungsstörungen

Das Bild dieser Störungen wird vom Zustand subjektiver Bedrängnis nach einer entscheidende Lebensveränderung bestimmt. Die individuelle Vulnerabilität spielt bei dieser Störung eine entscheidende Rolle. Ein Trauerfall, eine Trennung oder auch Emigration können die Ursache sein.

Neben Depressionen und Angst breitet sich häufig das Gefühl aus, mit dem Alltag nicht zurechtzukommen. Bei Jugendlichen treten oft Störungen des Sozialverhaltens auf. Mit Psychotherapie lassen sich diese Störungen in der Regel gut behandeln.

F43.8: Sonstige Reaktionen auf schwere Belastung

F43.9: Reaktion auf schwere Belastung, nicht näher bezeichnet

Diese beiden Kategorien werden nicht näher bezeichnet. Das bedeutet, sie liefern dem Arzt mögliche Schubladen für außergewöhnliche Fälle, über die bisher ausreichende Informationen fehlen.

Allerdings haben Ausdrücke wie 'Sonstige Reaktionen auf schwere Belastung' oder 'Belastung, nicht näher bezeichnet' zur Folge, dass es keine Leitlinien für die Behandlung gibt. Das kann zu Schwierigkeiten mit der Krankenkasse führen.

Fazit: Schubladen für die psychische Gesundheit?

Nicht immer hilft das Schubladendenken in der Medizin den Menschen.

Du leidest schon länger an Depressionen oder Panikattacken mit negativen Folgen für Deine Gesundheit? Auf Deinem Schein findest Du aber die Angabe F43.0G?

In diesem Fall ist das eine schlechte Nachricht. Dieser Code bedeutet, Deine Probleme werden als akute Störung bewertet. Es empfiehlt sich also, die Diagnose korrigieren zu lassen. Vielleicht hat Dein Arzt Deine Aussagen nicht richtig verstanden oder falsch interpretiert.

Falls Du jedoch nach einem Schicksalsschlag vorübergehend eine Auszeit brauchst, liegt dieser Code genau richtig.

Unsere Meinung zur "Klassifizierung"

Im übrigen finden wir, dass speziell bei psychischen Krankheiten eine Klassifizierung schwierig ist. Sie erleichtert den Krankenkassen zwar die Abrechnung und hat unbestreitbare Vorzüge für die Wissenschaft und die Erstellung von Statistiken. Dennoch lässt sich die menschliche Psyche nicht einfach in Schubladen pressen. Es wird immer Ausnahmen oder Sonderfälle geben, die den üblichen Rahmen sprengen.

Quellen

(1) J.A. Hirsch, G. Nicola, G. McGinty, R.W. Liu, R.M. Barr, M.D. Chittle, L. Manchikanti. ICD-10: History and Context. American Journal of Neuroradiology Apr 2016, 37 (4) 596-599; DOI: 10.3174/ajnr.A4696 (http://www.ajnr.org/content/37/4/596)

(2) Reed GM, First MB, Kogan CS, Hyman SE, Gureje O, Gaebel W, Maj M, Stein DJ, Maercker A, Tyrer P, Claudino A, Garralda E, Salvador-Carulla L, Ray R, Saunders JB, Dua T, Poznyak V, Medina-Mora ME, Pike KM, Ayuso-Mateos JL, Kanba S, Keeley JW, Khoury B, Krasnov VN, Kulygina M, Lovell AM, de Jesus Mari J, Maruta T, Matsumoto C, Rebello TJ, Roberts MC, Robles R, Sharan P, Zhao M, Jablensky A, Udomratn P, Rahimi-Movaghar A, Rydelius PA, Bährer-Kohler S, Watts AD, Saxena S. Innovations and changes in the ICD-11 classification of mental, behavioural and neurodevelopmental disorders. World Psychiatry. 2019 Feb;18(1):3-19. doi: 10.1002/wps.20611. PMID: 30600616; PMCID: PMC6313247. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30600616/)

(3) Maercker A, Brewin CR, Bryant RA, Cloitre M, van Ommeren M, Jones LM, Humayan A, Kagee A, Llosa AE, Rousseau C, Somasundaram DJ, Souza R, Suzuki Y, Weissbecker I, Wessely SC, First MB, Reed GM. Diagnosis and classification of disorders specifically associated with stress: proposals for ICD-11. World Psychiatry. 2013 Oct;12(3):198-206. doi: 10.1002/wps.20057. PMID: 24096776; PMCID: PMC3799241. (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24096776/)

(4) https://shop.bund-verlag.de/gute-arbeit-ausgabe-2017-978-3-7663-6524-8

(5) https://www.bund-verlag.de/buecher/jahrbuch-gute-arbeit/materialien/2017-2_3-arbeitsunfaehigkeit-infolge-psychischer-stoerungen

(6) https://www.dimdi.de/static/de/klassifikationen/icd/icd-10-who/kode-suche/htmlamtl2016/block-f40-f48.htm#F43

Selbstmordgedanken?

Falls du akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar.

Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

Über den Author

Kornelia

Kornelia Christine Rebel aka Kornelia Santoro ist hauptberufliche Texterin und lebt in Ansbach. Ihre ansprechendenden und gleichermaßen ausführlich recherchierten Texte sind eine große Bereicherung für unseren Blog. Mehr Infos über Kornelia kannst Du auf ihrer Webseite nachlesen.

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