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Januar 2, 2021

Meine ersten Erfahrungen mit Citalopram gehen auf das Jahr 2011 zurück. Genauer gesagt war es im Mai 2020, als ich einen zweiten Versuch mit einem Antidepressivum wagte. Etwa einen Monat zuvor hatte ich einen schmerzlichen Versuch mit Venlafaxin nach einem Tag abbrechen müssen, nachdem ich – nach nur einer Tablette Venlafaxin - einem Zombi gleichend wie auf Drogen wartete, bis die Wirkung nachließ.

Nach dieser Erfahrung wollte ich erstmal ca. 6 Wochen gar nichts mehr von Antidepressiva wissen, doch schließlich war der Leidensdruck doch so groß, dass ich nochmals einen zweiten Versuch, diesmal mit Citalopram, wagte.

Mein Leiden ging etwa ca. 5 Monate zuvor, im Januar 2011, los. Nach einer längeren Phase mit chronischen Schmerzen am Ellenbogen und Stress auf der Arbeit und in der Beziehung, hatte mein Körper – oder mein Geist – wohl irgendwie den Notstecker gezogen. Denn ich hatte es leider zuvor nicht selbst rechtzeitig getan. Wahrscheinlich spielte auch der Tod unseres Hundes einige Monate zuvor mit eine Rolle.

Auf jeden Fall ging von heute auf morgen nichts mehr. Ich sah keinen Lebenssinn mehr, kam nicht aus dem Bett, war total erschöpft von den kleinsten Dingen – und hatte schlicht keine Hoffnung mehr. Dachte, das alles würde einfach nie besser werden. An einem Samstag war es so schlimm geworden, dass mich meine Frau in die Notaufnahme ins Krankenhaus fuhr, weil sie einfach nicht mehr wusste, was sie mit mir machen soll.

Ein netter junger Artz überzeugte mich schließlich, es doch nochmal mit einem Antidepressivum, namens Citalopram, nie zuvor gehört, zu probieren. Dazu gab er mir eine Packung Benzodiazepine (Tavor). Denn, so erklärte er mir, besonders anfangs kann es zu starken Nebenwirkungen kommen. Anfangs bedeutet die ersten Wochen, bis zu 6 Wochen im Allgemeinen.

Und auch bei mir stellten sich die typischen Nebenwirkungen ein – aber kein Vergleich zu Venlafaxin, das ich persönlich einfach gar nicht vertragen hatte. Das ist allerdings auch bei jedem unterschiedlich.

Was ist Citalopram?

Citalopram gehört zur Klasse der SSRI (Serotonin-Reuptake-Inhibitor) und ist eines der meistverschriebenen Antidepressiva in Deutschland. Auch wenn mittlerweile mit Escitalopram (Cipralex) schon eine Weile der „Nachfolger“ auf dem Markt ist, wird Citalopram weiterhin verschrieben. Citalopram kommt bei Depressionen wie auch bei Angststörungen mit oder ohne Panikattacken zum Einsatz.

Meine Erfahrungen zu den Nebenwirkungen von Escitalopram

Bei mir stellten sich recht schnell eine (noch mehr) verstärkte Müdigkeit ein – bereits innerhalb der ersten Tage. Hinzu kam gleichzeitig eine verstärkte Unruhe. Das hat damit zu tun, dass Citalopram ein sogenanntes antriebssteigerndes Antidepressivum ist. Solche haben anfangs verstärkt innere Unruhe als Nebenwirkung. In manchen Fällen kann das auch zu einer erhöhten Suizidgefahr führen – insbesondere bei jungen Menschen. Deswegen auch das zusätzliche Rezept für Tavor – ein schnell wirkendes Beruhigungsmittel, welches zur schnell süchtig machenden Klasse der Benzodiazepine gehört. Also wirkich viel nur für den Notfall gedacht. Und als Schmelztablette, damit sie noch schneller wirkt. Und ich musste tatsächlich einige Male Gebrauch davon machen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass die ersten 7-10 Tage am schlimmsten waren. Und am schlimmsten fand ich die Nebenwirkung der Müdigkeit, die sich insgesamt gut 4-6 Wochen hinzogen, aber eben Woche für Woche besser wurden.

Gleichzeitig stellte sich aber auch relativ schnell eine Besserung meiner Gefühlslage ein: ein keines Auf meiner Stimmung verspürte ich schon nach etwa 5 Tagen, und auch da ging es Woche für Woche ein Stückchen besser. Und mein Schlaf profitierte ebenfalls, sprich ich konnte besser einschlafen und durchschlafen.

Mundtrockenheit und verringerter Appetit waren bei mir vor allem die ersten drei Wochen vorhanden, aber erträglich. Lust auf Sex hatte ich in dieser Zeit sowieso nicht, aber später merkte ich eine verzögerte Ejakulation. Das hält auch lange an, wird zwar besser, aber geht meiner Erfahrung nach nicht wirklich weg, solange man das Escitalopram einnimmt. Wie gesagt, Erfahrungen sind individuell, und bei manchem sind die Nebenwirkungen mehr oder weniger stark ausgeprägt als die Nebenwirkungen bei anderen.

Nebenwirkungen bei Dosiserhöhung

Was ich vielleicht noch erwähnen sollte, ist, dass man ja mit der kleinsten Dosis anfängt. Bei mir waren das 10mg. Und je nach Bedarf steigert man dann bis zu einer Dosis von 60 mg. (2010 war die Höchstdosis noch 60 mg, mittlerweile ist man wegen einer möglichen Verlängerung im QT-Intervall beim EKG) auf 40 mg runtergegangen. Das entspricht 20mg beim Nachfolger Escitalopram (Cipralex).

Im Überblick: welche Nebenwirkungen verspürte ich wie stark und wie lange?

  1. Müdigkeit und Kraftlosigkeit: sehr stark in den ersten 3 Wochen, besser danach, aber nicht ganz weg
  2. Mundtrockenheit: gering ausgeprägt in den ersten Wochen
  3. Verringerter Appetit: mittelstark ausgeprgägt in den ersten Wochen
  4. Ejakulationsstörungen: mittel ausgeprägt in den ersten Monaten, schwach ausgeprägt langfristig
  5. Veränderte Träume: stark ausgeprägt in den ersten Wochen
  6. Gewichtszunahme: mittelstark ausgeprägt mittelfristig

Auf jeden Fall kannst Du bei jeder Dosierhöhung wieder für eine gewisse Zeit mit verstärkten Nebenwirkungen rechnen. Kommt natürlich auf dran, wie schnell man steigert und wie groß der Schritt der Dosissteigerung ist.

Hier steckt gleichzeitig auch ein Tipp für das „Einschleichen“ verborgen.

Sprich: sind die Nebenwirkungen mit der Anfangsdosis, z.B. 10mg zu stark, kann man auch mit der Hälfte der ursprünglichen Anfangsdosis, also 5mg, beginnen. Natürlich in Absprache mit dem Psychiater oder dem Hausarzt – je nachdem wer das Rezept für Escitalopram verschrieben hat.

Mein weiterer Verlauf

Insgesamt ging es mit mir in der Phase, in der ich das Escitalopram nahm, ganz gut bergauf und ich konnte mich gut stabilisieren.  Also um mir für den Moment aus der Krise zu helfen, war es im Nachhinein erstmal die richtige Entscheidung – zumal es an mir Optionen gemangelt hatte.

Allerdings hätte ich doch sehr gerne auf die langfristigen Nebenwirkungen „zu kämpfen“. Bzw. ich empfand sie einfach als Einschränkung meiner Lebensqualität. Vor allem die Müdigkeit und die verringerte Libido und die Ejakulationsstörungen machten mir zu schaffen. CBD Öl als Alternative, welches mir schließlich dabei half, das Citalopram auszuschleichen, hatte ich leider erst später für mich entdeckt (meinen Erfahrungsbericht hierzu kannst du hier lesen).

Mein Tipp

Antidepressiva sind sicherlich eines der letzten Mittel der Wahl. Und ich bin strikt dagegen, sie allzu leichtfertig zu verschreiben. Denn es gibt einige Nachteile:

  1. Man muss evtl. lange ausprobieren, bis man „das Richtige“ für einen findet.
  2. Man muss sich erstmal eine Zeitlang durch die Anfangsphase mit verstärkten Nebenwirkungen kämpfen, bis diese schließlich nachlassen und die Wirkung dann hoffentlich einsetzt.
  3. Sie machen angeblich „nicht im klassischen Sinne“ abhängig (zumindest nicht so stark wie Benzodiazepine. Andererseits kann sich das Absetzen jeglicher Antidepressiva als sehr schwierig gestalten. Als Verleich sage ich immer: „Gebe mal einem Gesunden nicht Depressiven ein halbes Jahr Antidepressiva und lasse es ihn dann relativ schnell absetzen.“ Eine Depression ist sicherlich in den allerallermeisten Fällen vorprogrammiert. Deswegen sollte man die Zeit, in der man „auf Antidepressiva“ ist, auch gut nutzen, um „an sich zu arbeieten“ und den Dingen auf den Grund zu gehen. So dass man später eben auch wieder ohne Antidepressiva leben kann. Allerdings kann dieses „an sich arbeiten“ auch gerade durch die Antidepressiva erschwert werden, weil es einemj ja „gut geht“ und gar keinen Bedarf sieht.

Deswegen würde ich es erstmal mit pflanzlichen Stimmungsaufhellern und (wenn einer klare Ursache auszumachen ist) einer Ursachenbeseitung versuchen (z.B. EMDR bei Traumata). Weitere Alternativen zur Behandlung einer Depression sind regelmäßiges Saunieren, Übungen zum Aktivieren deines Vagusnervs


Selbstmordgedanken?

Falls du akut Hilfe brauchst: Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222) sind rund um die Uhr für dich erreichbar.

Weitere Hilfsangebote findest du hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

Über den Author

Andreas

Ich bin Andreas Humbert, Gründer und Hauptblogger von "Mein Weg aus der Angst". Ich lebe mit Frau, Tochter und Hund in der Pfalz. Mehr Infos über mich kannst du hier nachlesen.

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